Die Islamisierung Bosniens

Das bosnisch-herzegowinische Generalkonsulat in Stuttgart ist längst nicht mehr so überfüllt wie früher. Seit dem Auseinanderfallen der Republik Jugoslawien in den 90er Jahren sind die langen Menschenschlangen vor dem Gebäude in der Olgastraße verschwunden, die Anwärter auf Pässe verteilen sich nun auf mehrere Behörden. Doch neu ist ebenfalls: In den Räumlichkeiten lagen neuerdings Broschüren aus, die über Zwangsheirat informieren: „Du musst niemanden heiraten, wenn Du nicht willst.“ Warum liegen die Flyer ausgerechnet hier? Was ist seit der Unabhängigkeit in Bosnien und Herzegowina passiert?


Wohl gehörte das Kopftuch schon immer zum kulturellen Accessoire der muslimischen Frauen in Bosnien, genauso wie der älteren kroatischen und serbischen. Ebenso wie die „dimije“, die weit ausladenden Hosen, zum Erscheinungsbild der Bosniakinnen gehören. Erklären lässt sich dies mit dem historischen Hintergrund: Bei den moslemischen Bosniaken handelt es sich um während der Türkenherrschaft islamisierte Slawen. Erst unter Präsident Josip Broz Tito erhielten sie eine nationale Identität zugesprochen.


Doch neben diesem traditionellen Anblick erobert insbesondere in Sarajewo, Zenica und Tuzla, moslemischen Hochburgen, ein Phänomen die Straßen, das es vor dem letzten Balkan-Krieg nicht gab: Frauen, die völlig verschleiert sind und sich nur in Begleitung in der Öffentlichkeit zeigen. Denn Sarajewo gilt mittlerweile auch als die Stadt, die nach Istanbul die größte Dichte an Moscheen weltweit aufweist. Insbesondere Saudi-Arabien investiert hier: Weit über 100 Millionen US-Dollar sollen die saudischen Wahhabiten, eine radikale Richtung des Islam, seit 1993 in den Bau von Moscheen gesteckt haben, außerdem in die Errichtung von Schulen und Koranschulen. So ist das pompöse Areal König Fahd Bin Abd al Aziz Al Saud entstanden. Prunkstück ist die König-Fahd-Moschee, die der saudische Prinz Salman 2001 persönlich eingeweiht hat. Sarajewo erstrahlte zu diesem Anlass in den grünen Farben des Propheten.


Doch die Moscheen müssen mit Leben gefüllt werden: Da den saudischen Wahhabiten der bosnische Islam türkischer Färbung nicht radikal genug ist, werden immer mehr bosnische Geistliche durch konservativere ersetzt – der Preis für die Hilfe aus den königlichen Schatullen aus Riad, die auch in die dringend benötigte Infrastruktur geflossen ist. Neuerdings sollen ferner alle Pflaumenbäume gefällt werden, um die Herstellung des Nationalgetränks „Sljivovic“ zu unterbinden. Aber ob dies den Erneuerern gelingen wird, ist fraglich: Das Getränk, eine Art Schnaps, ist kulturell tief verankert. Doch schrittweise wird eine neue Welt geschaffen. Was bedeutet dies für die muslimischen Frauen?


„Der Glaube spielt seit dem Krieg bei allen Konfessionen eine große Rolle“, berichtet Mladen Petrović, Polizist aus Banja Luka in der „Republika Srpska“, „es gibt keine Vermischungen mehr zwischen den Ethnien. Worin die Moslems im Vorteil sind, das ist die Geburtenrate. Aber bei allen drei Volksparteien ist die Religion stark mit nationalistischen Elementen verknüpft.“ Auch was es mit den immer geleugneten türkischen und arabischen Kriegern, die im Balkan-Krieg auf der Seite ihrer bosnisch-moslemischen Brüder gekämpft haben sollen, auf sich hat, kann Petrović sagen: „Die gibt es. Es gibt in der Stadt Travnik unweit von hier eine Siedlung von 150 Häusern, wo die Mudshaheddin leben. Sie haben als Dank die bosnische Staatsbürgerschaft erhalten und viele Moslems radikalisiert.“


Was die Situation der Frauen angeht, kennt Petrović beide Seiten: Sowohl Musliminnen, die nach wie vor Miniröcke tragen würden, als auch Mädchen, die von Vater und Brüdern zur Verschleierung gezwungen würden. Und auch Frauen, die für das Tragen des Kopftuchs von den Wahhabiten bezahlt würden. Generell hätten sich moslemische Frauen vergleichsweise schon immer in größerer Abhängigkeit von den Männern befunden und seien traditionell mehr Gewalt ausgesetzt; dieser Trend verstärke sich, wie er von einem befreundeten Polizisten weiß, der vermehrt in Fällen häuslicher Gewalt gerufen wird. Allgemein würden sich moslemische Familien aber abschotten.


Abgeschottet sind auch Selma, 19, und ihre jüngere Schwester Šemsa, die in Deutschland leben, aber aus dem bosnischen Tuzla stammen. Der Vater erlaubt keine Beziehungen zu Jungen, keine Discos oder Alkohol, Ausgang nur nach Erlaubnis. Der große Bruder schmuggelte während des letzten Kriegs Waffen an bosnische Muslime. Als Selmas Beziehung zu einem Jungen aufflog, schlugen Vater und Bruder die Mädchen krankenhausreif: „Wenn du das nochmal machst, bringe ich dich um!“ Die älteste Schwester Mirela ist dabei bereits vor einiger Zeit weggelaufen. Zunächst schlief sie nur mit einem Messer im Bett, berichtet sie. Die Angst vor dem Vater war übermächtig. Nachdem sie sich an eine Hilfsstelle wandte, lebt sie nun in Italien. Eine solche Anlaufstelle ist beispielsweise „Papatya“ in Berlin, die Mädchen und Frauen hilft, die von Zwangsheirat oder Misshandlung bedroht sind. Eine Sprecherin bestätigt: „Aus dem ehemaligen Jugoslawien haben wir ausschließlich mit bosnischen Musliminnen, Roma-Mädchen und Kosovo-Albanerinnen zu tun.“


Doch es gibt noch andere Neuerungen in Bosnien. Seit einigen Jahren unterrichten Religionsbeauftragte der Konfessionen in Schulen, in kommunistischen Zeiten noch undenkbar. Denn außer den Saudis haben auch andere moslemische Länder Interesse an der Balkanrepublik, wie die Deutsch-Türkin Serap Çileli, Buchautorin und Frauenrechtlerin, die sich gegen Zwangsheirat und Ehrenmord engagiert und deswegen unter Staatsschutz steht, durch die Verfolgung der türkischen und arabischen Medien weiß. Gefährlich seien die islamischen Verbände, die von der Türkei aus gesteuert würden und sich in Bildungseinrichtungen als „Wolf im Schafspelz“ einnisteten: So die Handlanger des  umstrittenen islamischen Predigers Fethullah Gülen, der in über 100 Länder schon 1.000 Schulen gegründet hat und dem nachgesagt wird, unter „pseudo-modernistischem Lack“ lauere „eine islamistische Auffassung“.


In der Tatsache, dass immer mehr Frauen in Bosnien Kopftuch tragen oder sich gar verschleiern, sieht Çileli „Anzeichen, dass die Rechte der Scharia eingeführt werden“. Dass Bosnien offiziell kein islamischer Staat ist, sei kein Argument, so Çileli: „Auch die Türkei ist laut Verfassung ein laizistischer Staat, die Gesetze des Alltags sehen jedoch anders aus.“ Sie bestätigt, was bereits Petrović andeutete: Orthodoxe Muslime schließen sich zu Ghettos zusammen, in die niemand Einblick hat: „Die Frauen sind so ständiger sozialer Überwachung ausgesetzt. Sie verschwinden aus dem Arbeitsleben und aus dem Gesellschaftsleben. Sie werden in ihren Rechten ausgebeutet.“ In Bosnien bestehe konkret die Gefahr, dass sich „afghanische Zustände“ etablieren, so Çileli, denn Bosnien sei ein islamisches Politikum. Ziel der Extremisten sei es, den Islam über Europa zu verbreiten: „Aber der orthodox politische Islam wird wegdiskutiert“, kritisiert sie, „dabei ist es offensichtlich: Egal, um welche türkische Tageszeitung es sich handelt, es wird Rassismus gegen die westlichen Mehrheitsgesellschaften gepredigt. Es ist ignorant, dies nicht zur Kenntnis zu nehmen.“


Çileli steht mit ihren Beobachtungen nicht alleine. Der italienische Historiker Roberto Morozzo della Rocca hat mit dem Erzbischof von Sarajewo, Vinko Puljić, mit dem Buch „Cristiani a Sarajevo“ eine Nachkriegsbilanz vorgelegt. Und die so gerne vorgezeigte Multi-Kulti-Idylle Sarajewos als Modell des angeblich toleranten bosnischen Islam bekommt dabei tiefe Risse. Die Stadt ist nun zu 90 Prozent muslimisch, der Anteil der Kroaten von 60.000 vor dem Krieg auf aktuell 13.000 gesunken. Landesweit ist der Anteil der Katholiken von 17 auf neun Prozent geschrumpft. “Der internationalen Gemeinschaft erzählt man: ‘Wir sind offen für das Zusammenleben’. Doch in Wirklichkeit gibt es keinen Platz für das Zusammenleben, vor allem in den Bereichen Arbeit, Verwaltung und Information. Es befindet sich alles in einer Hand”, so Puljić. Jahrelange Wartezeiten für die Genehmigung einer Kirche, während in den entlegensten Winkeln Moscheen errichtet würden, Vandalismus gegen Kirchen, weniger Arbeitsplätze und gesundheitliche Versorgung für Nicht-Muslime: Die Bilanz für die jüdischen, orthodoxen und kroatischen Minderheiten ist bitter. Sie sind zusammen mit den Frauen die Verlierer dieser Entwicklung.


Menschen bosnischer Herkunft erleben bisweilen bei der Rückkehr in die Heimat einen Schock: „Wie kommt die Burka in mein Bosnien?“, fragt im Internet die Bosnierin Ivana, „Auf einmal sehe ich eine vollkommen verschleierte Frau auf der Straße. In Bosnien. In meinem Land. Das ist neu. Wer sind die Menschen, deren Gesichter ich nicht sehen kann?“

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Kommentare

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  • techniker (Donnerstag, 30. Januar 2014 17:40)

    Ich selber komme aus Bosnien und muss sagen das die Religion fur die Probleme des Landes schuld ist, als es noch Sozialismus war (was auch keine gute Ideologie ist) sind die Menschen viel besser
    miteinander umgegangen.