Yasemin - Zwangsehe mitten in Deutschland

Verschleierung von Frauen ist im 21. Jahrhundert kein Thema mehr, sagt Nuran Bernd, gebürtige Türkin. Sie lebt seit über 30 Jahren in Deutschland, ist mit einem Deutschen verheiratet und spricht perfekt Deutsch, fast ohne Akzent. Seit ihrer Ankunft in Deutschland ist sie in den örtlichen Vereinen aktiv, bemühte sich darum, die Sprache zu lernen, betreibt ein Toto-Lotto- und Tabakgeschäft und steht mit ihrem Umfeld auf gutem Fuß. Sogar im Tennis-Club, wo sich die örtliche Elite trifft, ist sie gut angesehen. Kurzum: Nuran Bernd ist integriert. Sie gehört zu denjenigen, die mit Sorge die Entwicklungen in der Türkei und der islamischen Welt verfolgen: „Dieser traditionalistische Rückschritt, der sich derzeit in der Türkei abspielt, ist politisch gemacht“, meint sie, „man muss sich nur die Politikerinnen und Politikerfrauen anschauen, dann sieht man, dass es rückwärtsgeht. Ҫiller ist noch im modernen Kostüm mit kurzem Rock aufgetreten, Erdogans Ehefrau trägt Kopftuch. Das sagt doch alles.“


Tatsächlich gibt es unter muslimischen Immigranten unterschiedliche Meinungen zu den Themen Islam und Verschleierung.  Nuran Bernd kennt einen Fall einer jungen Türkin aus ihrem Ort, der als Beispiel einer gescheiterten Integration gelten kann:


Die 29-jährige Yasemin (Name geändert) wurde in Aschaffenburg in Bayern geboren. Sie ging dort zur Schule und in  den Sommerferien fuhr sie mit den Eltern und den beiden jüngeren Brüdern nach Südanatolien. Tage, die sie genoss, obwohl die Fahrten in die Türkei bei brütender Hitze schier endlos lange dauerten und strapaziös waren. Sonnenschein, die Dorfgemeinschaft, in der die Kinder gemeinsam spielten, die schönen Geschichten, die die Großmutter zu erzählen wusste, all dies verkörperte für Yasemin das Heimatland: angenehme Gefühle und viel Liebe. Mit knapp 19 Jahren begann sie eine Lehre als Einzelhandelskauffrau. Sie wollte einen Beruf ergreifen und später Familie und Kinder haben. Doch es kam anders.

 

Yasemin wusste, dass der Vater sich als Oberhaupt in der Familie sah, doch mit dem, was kommen sollte, rechnete sie nicht, obwohl die Rollen in der Familie klar verteilt waren: Im Fastenmonat Ramadan pflegte der Vater bis spät in die Nacht vor dem Fernseher zu sitzen, um seine Frau dann um vier Uhr früh aus dem Schlaf zu reißen, damit sie ihm Tee kocht. Eine Selbstverständlichkeit. Und eines Tages kam das Urteil für Yasemin. Die Eltern verkündeten: „Du heiratest.“ Ausgesucht hatten sie einen ihrer Meinung nach attraktiven Schwiegersohn aus der Heimat, der sich durch seine große Religiosität auszeichnete. Yasemin wurde nicht gefragt. Die Hochzeit wurde arrangiert, während der Feier in Anatolien wurde sie als Braut auf traditionelle Weise mit Gold behängt. Yasemin musste schweren Herzens ihre Lehre abbrechen und weinte in ihr Kopfkissen. Im Zuge der Familienzusammenführung bekam der neue fremde Mensch in ihrem Leben ein Aufenthaltsrecht in Deutschland. „Ich hasse meine Eltern und ich hasse ihn“, bricht es aus Yasemin heraus, als wir uns zum Gespräch treffen, „sie haben mir mein Leben genommen.“ Denn mitunter wird der Ehemann auch handgreiflich, wenn Yasemin seiner Meinung nach nicht gehorcht. Er leitet aus dem Koran das Recht ab, seine Frau zu schlagen. Einmal kam es sogar vor, dass er sie in den Bauch trat, während sie unter seinen Schlägen zusammenbrach und wimmernd auf dem Boden lag. Der Grund für die Misshandlung war, dass er Yasemin erwischt hatte, wie sie eine Zigarette rauchte. Doch die Eltern sind stolz auf das Prestigeobjekt Schwiegersohn, der bei Gebeten in der Moschee die Stelle des Geistlichen einnimmt, wenn dieser nicht da ist und dann aus dem Koran rezitiert. Dass sich die Frau eines Moslems zu verhüllen hat, war für den konservativen Türken daher keine Frage. Also trägt Yasemin ein Kopftuch, das ihre Identität verbirgt. Auch die Eltern sind unter dem Einfluss des Schwiegersohns streng religiös geworden. Die verzweifelten Bitten von Yasemin um Hilfe vor dem schlagenden Ehemann prallen an ihnen ab.


Doch warum hat sie nicht nein gesagt zu dieser Zwangsheirat? Warum hat sie nicht Hilfe gesucht? Diese Frage muss sich Yasemin immer wieder anhören. Auch Nuran Bernd, die Yasemin von Kindesbeinen an kennt, ist fassungslos: „Die ganzen Schuljahre in Deutschland, alles ist weg. Jetzt zählt nur noch diese radikale Form des Islam. Sie hätte doch Nein sagen können.“ „Ich wusste nicht wohin und was ich tun sollte“, sagt Yasemin daraufhin, den Blick auf den Boden gerichtet, ein grünes Tuch mit Stickereien in der Farbe des Propheten auf dem Kopf, das auch die Schultern bedeckt. „Ich habe keinen Ausweg gesehen.“ Den Mut, um Hilfe zu bitten, den hat sie nicht. Zu sehr hält die Angst sie in Schach. Angesichts der Debatte um den Islam und die Integration muslimischer Einwanderer hat Yasemin nur ein müdes Schulterzucken übrig: „Das ist alles Schönfärberei. Ich finde es grotesk, dass so viele die Parallelgesellschaften verleugnen. Denn es gibt sie. Ich wünschte, die Leute würden nicht die Augen vor dem verschließen, was so offensichtlich geschieht. Der Islam wird Deutschland und auch andere Teile Europas überrennen. Das ist meine Meinung. Denn der Islam in der Form, wie er sich jetzt ausbreitet, kennt keinen Kompromiss. Ein radikaler Moslem ist nicht zu Zugeständnissen bereit. Und immer mehr Moslems werden radikal“, erklärt sie aus ihrer Lebenserfahrung heraus.


Doch wie es mit ihr selbst weitergehen soll, das weiß Yasemin nicht. „Ich habe einfach Angst“, sagt sie, „weil ein strenger Moslem wie mein Mann zu allem bereit ist. Er würde mich eher töten, als zuzulassen, dass seine Ehre befleckt wird, weil seine Frau ihn verlassen hat. Die Ehre ist wichtiger als alles andere. Im Namen der Ehre darf man sogar morden.“ Dennoch nimmt sie die Visitenkarte einer Hilfsorganisation zitternd entgegen und versteckt sie in ihrer Unterwäsche. Denn vielleicht gibt es irgendwann doch einen Ausweg und einen neuen Anfang …



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