Calais: "95 Prozent sind junge schwarze Männer aus Afrika"

Calais: "95 Prozent sind junge schwarze Männer aus Afrika" Foto: Christoph Reichwein

25.10.2016 Seit dem frühen Morgen wird das illegale Flüchtlingscamp von Calais geräumt. RP-Fotograf Christoph Reichwein ist seit Sonntag vor Ort - telefonisch berichtet er von den teils chaotischen Szenen im sogenannten Dschungel. 

 

Während des Telefonats hört man das Klicken vom Auslöser der Kamera, Christoph Reichwein nutzt jede Gelegenheit, die Räumung des illegalen Flüchtlingslagers von Calais im Bild festzuhalten. Die Situation vor Ort ist heikel, Reichwein und sein Kollege David Young tragen Schutzweste und Helm. Bereits am Sonntagabend ging es rund, Flüchtlinge zündeten Feuer an und warfen Steine auf die Polizisten. Die Polizei feuerte mit Tränengasgeschossen auf die Flüchtlinge. Tagsüber herrsche dagegen relativer Alltag im Dschungel von Calais, berichtet Reichwein. 

 

Christoph, wo bist du gerade und was siehst du? 

 

Christoph Reichwein: Ich bin gerade etwa einen Kilometer vom Flüchtlingscamp entfernt, am Pressecenter. Heute stehen hier zig Busse. Vor mir warten gerade hunderte Afrikaner hinter Absperrgittern darauf, dass sie in eine große Halle geführt werden, um dort registriert zu werden. Polizisten sorgen für etwas Ordnung. Es ist ein Gedrängel und Gewusel, die Leute stehen hier mit Reisekoffern, Taschen, Plastiktüten. Aber sie sind freiwillig hier. 

 

Wie ist die Stimmung? 

 

Reichwein: Im Augenblick ist es zwar etwas unübersichtlich, aber ruhig. Es gibt noch ein paar Flüchtlinge, die sich die Situation von außen angucken. Aber es ist nicht so wie am Sonntagabend, als Bewohner Feuer gemacht und Steine geworfen haben. Man munkelt, dass sich im Camp Aktivisten aufhalten, die am Dienstag gegen die gewaltsame Räumung vorgehen wollen. Wir erwarten, dass es dann kracht, wenn es tatsächlich dazu kommt. Im Augenblick sind hier aber alle friedlich. 

 

Gibt es Schaulustige? 

 

Reichwein: Nein, hier sind im Augenblick nur Leute, die hier hingehören oder sich hier aufhalten dürfen. Das heißt, es sind tausende Polizisten vor Ort, Freiwillige, die bei der Organisation helfen, Flüchtlinge und Journalisten. Wir mussten uns bei der Ankunft akkreditieren, mittlerweile sind auch die Autobahnabfahrten gesperrt, die direkt zum Camp führen. Jetzt muss man durch den Fährhafen und über eine Landstraße fahren, um hierher zu gelangen. Die Zufahrtsstraße zum Camp wird von der Polizei kontrolliert. 

 

Warst du auch im Lager selbst? 

 

CR: Nein, ich habe mich am Sonntagnachmittag etwas entfernt aufgehalten. Ich bin nicht ins Camp gegangen, weil ich das Gefühl hatte, dass die Flüchtlinge das nicht wollen. Als ich hier gestern ankam, war alles ruhig. Die Flüchtlinge halten sich draußen auf, spielen Schach, einer ließ sich die Haare schneiden, es gibt eine Essensausgabe. 

 

Wie muss man sich das Lager vorstellen?

 

CR: Es ist wie eine eigene Stadt, ein Slum oder eine Favela. Es gibt Restaurants, Cafés, einen Karateclub, einen Boxclub. Es gibt Zelte, aneinandergeknüpfte Planen, die Menschen haben sogar eine Kirche aus Holz und Wellblech gebaut. In der Nacht hat es geregnet, in den Pfützen schwimmt Benzin, es riecht nach Sprit und Exkrementen und Müll.

 

Wer lebt im Lager? 

 

CR: Es heißt hier, es seien ungefähr 8000 Bewohner. Nach meinen Schätzungen sind 95 Prozent junge schwarze Männer aus Afrika, ich habe kein einziges Kind gesehen. Auch jetzt stehen hier nur Männer hinter den Absperrgittern. 

 

Ist die Lage für euch bedrohlich? 

 

CR: Ich habe eine stich- und schusssichere Weste an, einen Helm und Schuhe mit Stahlkappen. Man muss sich hier auf seinen Instinkt verlassen. Ich habe zum Beispiel gestern entschieden, dass es mir zu heikel ist, ins Innere des Lagers zu gehen. Einige Flüchtlinge reagieren auch mal aggressiv, dann kommt schon mal ein Spruch - "piss off" oder so. 

 

Von Franziska Hein, ursprünglich erschienen auf: rp-online.de

 

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