Gibt es „den“ Islam?

16.10.2016 Häufig wird Islamkritik abgewürgt, indem darauf verwiesen wird, dass es „den Islam“ ja nicht gäbe und daher jede Diskussion um „den Islam“ keinen Sinn mache. Die so wichtige Debatte um „den Islam“ wird somit geschickt vermieden. Denn wer jetzt noch von „dem Islam“ redet, der habe sich disqualifiziert, weil er ja nicht in der Lage sei die Welt differenziert zu betrachten. Gleichzeitig hören wir aber lautstark von allen Seiten, dass Gewalt und Intoleranz nichts mit „dem Islam“ zu tun habe. Kann man also etwa nicht definieren was der Islam ist und was zu ihm gehört, sondern nur lautstark bekunden, was der Islam nicht ist und was nicht zu ihm gehört?! Dieser Standpunkt ist in unserer Gesellschaft sehr beliebt, denn wer diesen Relativismus vertritt, den umgibt eine Aura von großer Weisheit: alles ist relativ; ich weiß, dass ich nichts weiß. Diesen aalglatten Rhetorikern wird die Fähigkeit zugeschrieben differenziert zu denken – alle anderen, die eine klare Position vertreten, sind Schwarz-Weis-Maler denen diese intellektuelle Fähigkeit nicht gegeben ist.

Ich glaube aber, dass man sehr wohl von „dem Islam“ reden kann. Warum und in welchem Sinne, möchte ich kurz ausführen.

 

Mohammed ist nach der islamischen Legendenerzählung im Jahr 570 nach Christus geboren und 632 gestorben. Zeitzeugnisse einer Religion die sich „Islam“ nennt oder von Menschen die sich als „Muslime“ bezeichnen existieren nicht. Die ältesten Quellen, die erst eine islamische Identität geformt haben und uns heute vorliegen, gehen allesamt auf das 9./10. Jahrhundert zurück. Es gibt den Koran, sechs kanonische Hadithsammlungen und vier Bücher zur Prophetenbiographie und Geschichtswerke.

 

Die älteste Ganzschrift des Korans wird auf das Jahr 870, die ältesten Fragmente auf nach 750 datiert.

 

Die Sunna besteht aus sechs kanonischen Hadithsammlungen. Ihre Autoren sind:

 

  1. Al-Bukhary (gest. 870)
  2. Muslim (gest. 875)
  3. Abu Dawud (gest. 888)
  4. Tirmidhi (gest. 892)
  5. Nasa’i (gest. 915)
  6. Ibn Madja (gest. 886)

 

Geschichts- und Biographiewerke:


1. Sira von Ibn Hisham (gest. 833), die angeblich auf einer nicht überlieferten Version von Ibn Ishaq (gest. 768) basiert.
2. Kitab Al-Maghaazy (Geschichte der Kriegszüge) von Al-Waqidi (gest. 822)
3. Tabaqaat („Klassen“ / „Generationen“) von Ibn Saad (gest. 845)
4. Tarikh („Annalen“) von Al-Tabary (gest. 922)

 

Man kann nicht oft genug betonen, dass genau diese 11 Quellen erst eine islamische Identität geschaffen haben. Spricht man also von „dem Islam“, so handelt es sich um eine Religion, die auf genau diese Urquellen zurückgeführt werden muss. Das für den Islam immerwährende Dilemma ist nun, dass in genau diesen Quellen zahllose Aufrufe zur Gewalt, zur Erniedrigung und zum Todschlag von Andersgläubigen als prophetische und göttliche Anweisungen festgeschrieben gestehen.

 

In einem Hadith bei Bukhari wird z.B. überliefert, dass Mohammed sagte: „Ich wurde beauftragt die Menschen zu bekämpfen bis sie bezeugen, dass es keine Gottheit außer Allah gibt und dass Mohammed der Gesandte Allahs ist und sie das Gebet verrichten und die Zakah bezahlen. Wenn sie dies tun, dass ist ihr Blut und ihr Besitz vor mir geschützt, außer das islamische Recht nimmt es ihnen wieder. Und ihre Abrechnung obliegt Allah dem Erhabenen.“ (Bukhari und Muslim)

 

Auf der Basis der genannten Urquallen des Islams haben sich vier Rechtsschulen entwickelt, auf die sich heute noch die Gelehrten in den sunnitisch islamischen Universitäten stützt. Diese Rechtsschulen werden nach ihren Gründern benannt.

 

  1. Abu Hanifa (gest. 767)
  2. Malik (gest. 795)
  3. Al-Shafi’i (gest. 820)
  4. Ahmad bin Hanbal (gest. 855)

 

All diese vier Rechtsschulen vertreten Positionen, bei denen in der heutigen Islamdebatte gesagt werden würde „das hat mit dem Islam nichts zu tun“. Beispiele sind hier die Pflicht zur Ganzkörperverschleierung der Frau, die Todesstrafe für Ex-Muslime und Prophetenbeleidiger und das Dogma des Jihads. Als konkretes Beispiel möchte ich hier die Definition des Begriffs Jihad in den vier Rechtschulen nennen (Quelle)

 

Bei den Hanafiten ist der Jihad definiert als (Quelle:  بدائع الصنائع، وحاشية ابن عابدين):

 

Einsatz aller Möglichkeiten und Energien im militärischen Kampf (Qital) auf dem Pfad Allahs mit dem Leben, dem Vermögen und der Zunge, sowie die Missionierung zur wahren Religion und die militärische Bekämpfung derer, die sie nicht annehmen.

 

Die Malikiten definieren den Jihad als (Quelle: الشرح الصغير على أقرب المسالك):

 

Der militärische Kampf eines Moslems gegen einen Ungläubigen, der keinen Unterwerfungspakt mit den Muslimen geschlossen hat, mit dem Ziel, das Wort Allahs zu erhöhen.

 

Die Hanbaliten und Shafi3iten definieren den Jihad als (Quelle: فتح الباري):

 

Einsatz von Mühen im militärischen Kampf gegen die Ungläubigen.

 

Die vier großen Rechtsschulen sind sich also einig was mit Jihad gemeint ist. Wer also meint, der physische Kampf gegen die Ungläubigen, die sich nicht dem islamischen Recht unterwerfen wollen, habe nichts mit dem Islam zu tun, widerspricht den vier Rechtsschulen des sunnitischen Islams, die übereinstimmen mit den Urquellen des Islams, wie dem Hadith in dem Mohammed gefragt wurde was der Jihad sei und er antwortete: „Dass du die Ungläubigen bekämpfst, wenn du ihnen begegnest!“ (Ibn Madja)

 

Und übrigens, wer die Lüge vom großen und einem kleinen Jihad nachplappern möchte, demnach der physische Kampf gegen die Ungläubigen als kleiner Jihad und der spirituelle Kampf gegen die eigenen Gelüste als großer Jihad bezeichnet wird, widerspricht damit dem Konsens der sunnitischen Gelehrten aller vier Rechtsschulen, der sich auf authentische Aussagen Mohammeds und Koranversen gründet und stützt sich auf einen einzigen Hadith, den schon so große Hadith-Gelehrte wie Al-Baihaqi im 11.Jahrhundert als schwach, also unauthentisch, eingestuft haben.

 

Nun kommen wir noch zur Auslegung des Korans (Tafsir). In der sunnitischen Welt gibt es drei Standardwerke, die heute noch herangezogen werden, wenn Koranverse in ihrem Kontext verstanden werden sollen. Sie stehen auf dem Lehrplan in allen sunnitisch-islamischen Universitäten von Marokko, Tunesien über Ägypten, Saudi Arabien bis Pakistan. Natürlich findet man auch in Deutschland in jeder Moscheebibliothek diese Werke. Es handelt sich um die Werke von Al-Tabary, Al-Qurtubi und Ibn Kathir. Leider wurden sie nur noch nicht ins Deutsche übersetzt. Was sehr seltsam anmutet für eine Wissens- und Informationsgesellschaft, in der es sogar Stimmen gibt, die sagen, dass der Islam zu Deutschland gehöre. Aber dabei handelt es sich wohl um einen Islam, der mit den Urquellen nichts zu tun hat.

 

  1. Al-Tabary (gest. 922)
  2. Al-Qurtubi (gest. 1272) [basiert im Wesentlichen auf Al-Tabary]
  3. Ibn Kathir (gest. 1373) [basiert im Wesentlichen auf Al-Tabary]

 

Als ich einmal den damaligen Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime fragte, warum wir nicht z.B. die Exegese von Ibn Kathir ins Deutsche übersetzen, sagte er mir, die Deutsche Gesellschaft sei dafür noch nicht bereit. Dies sagt alles, denn die genannten Quellen lassen sich sehr gut auf einen gemeinsamen Nenner herunter brechen, den wir als „den Islam“ bezeichnen können. In den großen Fragen die uns bewegen sprechen diese Quellen eine deutliche Sprache und nehmen Stellungen, bei denen in der Islamdebatte gesagt wird „diese Stellung hat nichts mit dem Islam zu tun!“. So sind sich die Exegeten einig, dass der Koranvers 8.60 den Muslimen befiehlt zu jeder Zeit eine moderne Streitmacht aufzustellen, um den Ungläubigen das Fürchten zu lehren. Die Untrennbarkeit von Religion und Staat mit einer entsprechenden Wehrmacht und die militärische Feindseligkeit gegenüber Staaten mit anderen Weltanschauungen wird hier sehr deutlich. In Vers 47.20-21 sind sich die Exegeten einig, dass es ein deutliches Zeichen von Heuchelei ist, wenn man die Gewaltaufrufe im Koran nicht sehen möchte oder gar leugnet.

 

Lesen Sie dazu bitte meine Zusammenfassungen der Exegesen zu diesen Koranversen (Sure 8.60, Sure 47.20-21).

 

Das Kernproblem in der Debatte um den Islam ist die weite Verbreitung der Einstellung: „Es kann nicht sein was nicht sein darf.“ Da es nicht sein darf, dass der Islam als eine Weltreligion Hass und Gewalt predigt, kann Hass und Gewalt – dieser Logik nach – auch nichts mit dem Islam zu tun haben. Mit den Urquellen des Islams, die erst eine islamische Identität geschaffen haben, hat Hass und Gewalt aber sehr wohl zu tun. Dies ist das immerwährende Dilemma des Islams. Dieses Dilemma zeigt sich auch in der Auseinandersetzung zwischen dem Zentralrat der Muslime (ZDM) und Prof. Muhannad Khorchide aus der Universität Münster. Khorchide lehnt Inhalte der Urquellen des Islams ab, um eine friedliebende Religion zu konstruieren. Der ZDM hat natürlich damit ein riesiges Problem und kann dies nicht akzeptieren, weil ihm mit den Urquellen der islamische Boden unter den Füßen weggezogen wird. Aber dadurch, dass sie auf der Beibehaltung dieser Quellen bestehen, können sie nicht glaubwürdig Gewalt ablehnen und gegen Intoleranz sprechen, denn Gewalt und Intoleranz wird aus genau diesen Quellen heraus gepredigt. Diese Unglaubwürdigkeit der „Euro-Muslime“ führt zu misstrauen und Ängsten in der Gesellschaft, weil man das Gefühl hat, einen unaufrichtigen Gesprächspartner in der Islamdebatte zu haben. Da dieser unaufrichtige Gesprächspartner auch noch von der Politik unterstützt wird, schlägt angestautes Misstrauen in der Gesellschaft in Angst um. Der ZDM repräsentiert ja Nichts und Niemanden sondern ist ein künstliches Konstrukt der Politik, um einen Partner zu haben mit dem man Islamkonferenzen abhalten kann und der sich immer artig von Gewalt distanziert, wenn mal wieder ein Attentat stattgefunden hat. Man soll sich aber bitte nicht einbilden, dass der Zentralrat der Muslime ein Vertreter von Muslimen in Deutschland! Der Großteil der Muslime, insbesondere der arabischen Muslime, hört nicht auf einen Aiman Mazyek und auch nicht auf einen Muhannad Khorchide, sondern auf die Muftis und Prediger aus Ägypten, Saudi Arabien und anderen islamischen Staaten, die ihre Islamlehre auf den Urquellen aufbauen und den Meinungen der vier Rechtsschulen folgen. Diese Prediger und Islamgelehrten beeinflussen mit ihren Sendungen, die Tag und Nacht im Satellitenfernsehn laufen, ganz wesentlich das Glaubensverständnis der Muslime, denn sie sind es, die sich auf 1400 Jahre islamische Geistesgeschichte stützen können, und auf die Quellen, die ja erst eine islamische Identität geformt haben. Auch wenn man diese Prediger hier als Salafisten, Wahabisten oder sonst wie abtut, die mit dem Islam nichts zu tun hätten.

 

Ursprünglich erschienen auf: islam-analyse.com

 

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