Historiker: "Bürgerkrieg ist nicht zu vermeiden"

Historiker: "Bürgerkrieg ist nicht zu vermeiden" Foto: AFP/PHILIPPE HUGUEN, AP/Jean-Francois Badias

02.02.2017 "In 20 bis 30 Jahren wird Europa ein autoritärer oder imperialer Staat geworden sein, nach einer Phase bürgerkriegsähnlicher Zustände und Verfallserscheinungen" - Es ist ein wahrlich düsteres Zukunftsbild das der Historiker David Engels im Interview mit der "Huffington Post" zeichnet. Der Belgier ist Althistoriker an der Freien Universität Brüssel und sieht eindeutige Parallelen zwischen der gegenwärtigen Krise Europas und der verfallenden Römischen Republik im ersten Jahrhundert vor Christus.  

 

Mit den Analogien zwischen dem Römischen Reich und der Europäischen Union hat sich Engels bereits in seinem 2011 veröffentlichten und 2014 auch auf Deutsch erschienenen Buch "Auf dem Weg ins Imperium"  auseinandergesetzt. Seine warnenden Worte erhalten nun im Zuge der aktuellen Flüchtlingskrise eine nicht zu leugnende Brisanz.

"Rechne mit bürgerkriegsähnlichen Zuständen"  

 

"Ich rechne mit bürgerkriegsähnlichen Zuständen, welche eine grundlegende gesellschaftliche und politische Neuformierung Europas erzwingen werden, ob wir das wollen oder nicht, ganz nach dem Vorbild der verfallenden Römischen Republik im ersten Jahrhundert vor Christus", ist Engels überzeugt.  

 

Die Übereinstimmungen seien demnach "so massiv, so augenscheinlich, und das schon seit Jahrzehnten, dass man fast fragen müsste, wo es keine gibt", so der Historiker. Als Parallelen listet er auf: Arbeitslosigkeit, Familienzerfall, Individualismus, Niedergang traditioneller Konfessionen, Globalisierung (damals in Form der Romanisierung), Bevölkerungsniedergang, Fundamentalismus, Migration, Verarmung, "Brot und Spiele", Kriminalität, Polarisierung zwischen einer oligarchischen Politikerkaste auf der einen Seite und unzufriedenen "Populisten" auf der anderen.

 

Europa befinde sich in einem Teufelskreis, warnt Engels: "Kolonialismus, Weltkriege, Dekolonialisierung, unglückliches Eingreifen im falschen und Nicht- Eingreifen im richtigen Moment in die Konflikte an Europas Peripherie haben zu einer Lage geführt, in der ich einen völligen Rückzug Europas für extrem gefährlich halte."

 

Führt Einwanderung zur Identitätskrise und zum Zerfall?  

 

In der Einwanderung sieht der Historiker allerdings nicht den einzigen Faktor, der zum zwangsläufigen Zerfall führen werde. "Die gegenwärtigen Bevölkerungsbewegungen sind nur eines der vielen Symptome unserer gegenwärtigen Geisteshaltung, welche von einer seltsamen Mischung von Kosmopolitismus, Selbstzweifel, Kalkül, Materialismus und schlechtem Gewissen geprägt ist. Genau diese Mischung finden wir auch zu Ende der Römischen Republik", so Engels.

 

Öffnung an sich sei dabei allerdings nicht das Problem. Schwerwiegender sei die gesellschaftliche Polarisierung, das Fehlen von langfristiger Planung, das Primat der Wirtschaft vor der Politik und der Kultur, oder die Tendenz zur ideologischen Überheblichkeit. Es sei jedenfalls kein Wunder, dass im Westen die Populisten und Nationalisten an Macht gewinnen, genau wie in Rom die "populares". "Genau wie die späte römische Republik sitzt auch Europa auf einem Vulkan, der jeden Moment ausbrechen kann", findet Engels klare Worte.

"Es wäre feige, die Augen zu verschließen"  

 

Der Belgier gibt zu bedenken, dass er als zweifacher Vater der Letzte sei, der sich Bürgerkrieg oder Diktatur wünschen würde. Aber seit er sein Buch "Auf dem Weg ins Imperium" geschrieben habe, hätten sich alle vorhergesagten erfüllt. "Das macht mir große Angst. Aber es wäre feige, die Augen zu verschließen, nur weil man die Realität nicht wahrhaben will."  

 

Die großen Parteien ignorieren die wachsende Armut, die zunehmende kulturelle und politische Zerrissenheit und den Vertrauensverlust in die Demokratie. Dies führe unvermeidlich dazu, dass ihnen von den Populisten das Wasser abgegraben wird - bis der Staat schließlich unregierbar wird, wie im spätrepublikanischen Rom.

 

Der Wissenschaftler bezweifelt, dass die Menschheit aus der Geschichte lernen kann. Dazu sei Geschichte viel zu komplex, und zudem seien wir ja auch selber Teil des Ganzen. "Das wäre, wie sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zu ziehen", gibt sich Engels pessimistisch.

 

Kann Bürgerkrieg vermieden werden?  

 

Der Historiker glaubt auch nicht, dass ein drohender Bürgerkrieg vermieden werden kann. Er glaubt zwar nicht "an einen Krieg bewaffneter Bürgerlegionen", denn dafür sei unsere Politik zu wenig militarisiert. Er geht jedoch davon aus, dass die Vorstädte, der staatlichen Kontrolle entgleiten werden.

 

Engels düsteres Zukunftsbild: Landstriche, die von paramilitärischen, ethnischen oder religiösen Gruppen beherrscht werden, überhandnehmende Kriminalität, wirtschaftlicher Bankrott und völliger politischer Stillstand. "Die Bürger Europas werden sich dann mit Freuden dem Ersten in die Arme werfen, der dem Kontinent einen funktionierenden Sozialstaat, Ruhe und Ordnung schenkt. So wie damals Kaiser Augustus."

 

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